Wolfskinder


Wolfskinder in Ostpreußen

„Wolfskinder” ist die Bezeichnung für deutsche Kriegswaisen, die nach 1945 auf der Suche nach Lebensmöglichkeiten in außerdeutsche Zusammenhänge gerieten und später als Erwachsene im Ausland (Polen, Litauen, Lettland, Estland usw.) unter falscher Identität leben mußten. Tausende von ihnen, manche kaum älter als 5 Jahre, kämpfen nach Ende des 2. Weltkriegs in Ostpreußen ums nackte Überleben. Von der Familie getrennt, auf sich allein gestellt und fernab jeder Zivilisation.

Im vorliegenden Beispiel wird Flucht und Vertreibung der überlebenden deutschen Bevölkerung aus Ostpreußen dargestellt. Während dieser Vertreibung wurden ca. 15.000 Kinder von ihren Eltern getrennt, manchmal für immer. Blanker Hass und grenzenlose Barbarei wird von der Roten Armee an deutschen Zivilisten ausgelassen.

Im Winter 1945 lag Königsberg 3 Monate lang unter dem Beschuß der roten Armee; die Stadt war zur Festung erklärt worden. Das führte zu ihrer fast völliger Zerstörung, und zu großen Opfern unter der Zivilbevölkerung. Den Einmarsch der roten Armee erlebte Heinz Kurt N. mit seiner Mutter, seinem Bruder und 2 Schwestern in einem Bunker.

Er erzählt wie er mitansehen mußte, als seine Mutter und Schwestern von Rotarmisten vergewaltigt wurde. Sie verloren ihre Wohnung und schliefen auf dem Friedhof in einer Gruft. Sie kämpften ums Überleben, denn Eßbares war kaum zu finden. Alle fingen an um Brot zu betteln, bis es überhaupt nichts mehr zu Essen gab. Er schildert wie sie damals notgedrungen Katzen und fauliges Pferdefleisch verzehrt haben. Ein Gerücht machte unter den Hungernden die Runde, daß es jenseits der Memel in Litauen noch Nahrung gab.

Im Frühjahr 1946 machen sich die zwei kleine Jungen auf den 150 km langen Weg vom ostpreußischen Königsberg in Richtung Litauen. Sie suchen verzweifelt nach Nahrung, die es in ihrer zerstörten Heimat nicht mehr gibt. Fast 12 Monate irren sie durch die Wälder. Hungernd, bettelnd und stehlend schlugen sie sich durch. Eines Tages verlieren sich die Brüder aus den Augen. Einer von ihnen findet seine Familie wieder, doch der kleinere 5 jährige Bruder strandet in Litauen. Fortan wird es für ihn seine deutschen Wurzeln nicht mehr geben.

Seine Zeit als Wolfskind in den Wäldern Litauens endet für ihn, als er im Frühjahr 1947 von Rotarmisten aufgegriffen und einem kinderlosen Ehepaar in die Arme gedrückt wird. Er bekommt zwar Essen und ein Bett, jedoch ist seine Kindheit weiterhin von Entbehrungen gekennzeichnet. Seine Pflegeeltern tranken und stritten. Zeitlebens litt er unter antideutschen Repressionen. Zur Schule darf er selten, meistens mußte er arbeiten. Seit über 5 Jahrzehten lebt er in Litauen, mit einem Paß, den die sowjetischen Besatzer Litauens ihm im Alter von 9 Jahren ausgestellt haben. Seinen wirklichen Namen, den er von seinen Eltern erhielt, kennt er nicht. Er weiß aber, daß er Deutscher ist. Er glaubt sich an seinen deutschen Namen zu erinnern. Eine deutsche Geburtsurkunde besitzt er jedoch nicht, und wann sein Geburtstag ist, liegt für ihn auch im Dunkeln. Seine Muttersprache Deutsch hat er inzwischen verlernt.

Er ist verbittert und will endlich wissen wer er ist, dafür macht er auch seine Pflegeeltern verantwortlich, denen egal war woher er kam, bzw. die nie die Anstrengung unternommen haben, seine richtigen Eltern zu suchen. Er möchte nicht mit falschem Namen sterben.

Im Jahre 2002 machte er sich mit einem Filmteam vom WDR auf die Suche nach seinen deutschen Wurzeln, die ihn in seine Geburtsstadt Königsberg führen, und ins litauische Staatsarchiv. Jedoch erfolglos.

2003 sieht sein großer Bruder den Film zufällig im deutschen Fernsehen. Er ist sich nach reiflicher Überlegung sicher: Daß muß sein Bruder sein, den er 1947 in Ostpreußen verloren hat. Über den Verein der Wolfskinder bekommt er seine Telefonnummer. Schließlich findet er seine eigene Familie, nimmt Kontakt auf, und hat nun nach 57 Jahren wieder 2 Schwestern und einen Bruder.
Und seinen wirklichen Namen.

Verlorene Kindheit
Auf den Spuren deutscher Wolfskinder / NDR

Verschollen in Ostpreußen
Der lange Weg der Wolfskinder / 3Sat

Ostpreußen - Wolfskinder
Land der dunklen Wälder und kristallnen Seen / Ostpreussen.de

Wolfskinder Geschichtsverein e.V.

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Letzte Änderung: 26.12.2008