Christianisierung

Das Christentum ist ein monotheistische, gestiftete und missionierende Religion, die ihre Wurzeln im Judentum hat und auf die Anhänger eines jüdischen Wanderpredigers Jesus von Nazareth zurückgeht.

Meilensteine in der Geschichte der Christianisierung

Bereits Ende des 2. Jahrhunderts war das Christentum, dessen Hauptangriffsziel der Mithraskult war, aufgrund einer sehr guten Organisationsstruktur in fast allen Provinzen des Römischen Reichs verbreitet und spätestens zu Beginn des 4. Jahrhunderts stellte es eine unübersehbare religiöse Minderheit dar.

Unter Kaiser Konstantin dem Großen wurde das Christentum nach 324 zu einer staatlich anerkannten und privilegierten Religion. Der Versuch des Kaisers Julian Apostata, kurz nach seinem Regierungsantritt im Jahre 361 eine heidnische Staatskirche zu etablieren, scheiterte. Nach ihm waren alle Kaiser Christen, wenngleich sich das Heidentum, vor allem auf dem Lande, noch bis ins 6. Jahrhundert hinein hielt.

Chlodwig I., der das Frankenreich einte und zu einem ersten Höhepunkt führte, konvertierte um 500 zum christlichen Glauben. Der Legende nach bewegte ihn seine Frau, die burgundische Prinzessin Chlothilde, zu diesem Schritt. Angeblich flehte er bei einer Schlacht gegen die Alemannen den Christengott um Hilfe an, nachdem sich seine Götter als machtlos erwiesen hatten. Die Schlacht endete siegreich und Chlodwig ließ sich taufen. Anders als in der Spätantike, in der die Zuwendung zum Christentum individuell erfolgte, fand der Übertritt im germanischen Bereich oft kollektiv, dh im Stammesverband statt. So wurde auch die bis dahin heidnische fränkische Oberschicht katholisch, während die einfache Bevölkerung des Frankenreichs bereits seit der Römerzeit im Wesentlichen christianisiert war.

Eine herausragende Rolle in der Missionierung von Mitteleuropa spielten iro-schottische Mönche, sowie die Einflüsse Roms. Auch von England aus reisten zahlreiche Missionare auf den Kontinent, die sich insbesondere den mit den Angelsachsen verwandten germanischen Völkern widmeten. Die herausragende Figur war Bonifatius, von dem die Legende erzählt, dass der Papst ihm persönlich den Auftrag gab, „bei den wilden Völkern Germaniens“ das Evangelium zu verkünden. Er begann seine Mission bei den Friesen. Danach zog er mehr als ein Dutzend Jahre durch Gebiete im heutigen Hessen, Thüringen und im fränkischen Maingebiet.

Ein besonderes Ereignis wird von Geismar in Nordhessen berichtet, wo eine seit langem verehrte, dem Donar geweihte Eiche stand. Bonifatius entschloss sich, die Donareiche zu fällen. Die anwesenden Wallfahrer und Priester erwarteten gespannt die Reaktion ihres Gottes; dass diese ausblieb, beeindruckte sie tief. Mit der Fällung der Eiche zeigte ihnen Bonifatius symbolisch die Überlegenheit des Christentums über die alten Götter. Aus dem Holz der Eiche ließ er eine Petrus geweihte Kapelle bauen.

Karl des Große betrieb mit großer Grausamkeit und Härte die Christianisierung der Sachsen in Norddeutschland. Die Sachsenkriege begannen 772 mit der Zerstörung der Irminsul auf dem wichtigsten Versammlungsplatz der Sachsen, die zum offenen Aufstand gegen die Franken führte. Einige Historiker vermuten, daß die Irminsul ein hoher Baum oder Holzstamm war und als Sinnbild für die das Himmelsgewölbe tragende Weltsäule, den Weltenbaum Yggdrasil, angesehen wurde. Die Irminsul war das Wahrzeichen eines sächsischen Thingplatzes. Ihre Zerstörung war sowohl ein Angriff auf die religiöse wie auch die Rechtsordnung der Sachsen.

Die Sachsen leisteten erbitterten Widerstand, der von Karl mit blutigen Repressionen beantwortet wurde, wie etwa dem berüchtigten Blutgericht von Verden an der Aller (782), bei dem angeblich tausende Sachsen enthauptet wurden. Mit der Ernennung des Missionars Liudger zum ersten Bischof von Münster fand diese größte gewaltsame Umwälzung in der Geschichte Nordwestdeutschlands 805 ihren Abschluß.

Der Nordosten Deutschlands und die baltischen Länder, die Völker der Preußen, Wenden, Esten und Letten kamen erst im 10. bis 13. Jahrhundert zum Christentum, Litauen bekehrte sich erst Ende des 14. Jahrhunderts.

Strategie der Missionierung

Das Christentum erlaubte den missionierten Völkern keine gleichzeitige Verehrung der alten Götter. Um zu gewährleisten, dass die alten Inhalte aus dem kollektiven Gedächtnis verschwanden, machten sich die Missionare die Technik der Assimiliation zunutze, sowohl in räumlicher als auch in zeitlicher Hinsicht.

Viele der ersten Kirchen wurden auf ehemaligen heidnischen Kultstätten wie Hainen und Bergen oder über heiligen Quellen errichtet. Das hatte nicht nur den Vorteil, dass diese Orte bereits als heilig galten und die Menschen es gewohnt waren, dort kultische Handlungen durchzuführen. Es wurde so überdies sicher gestellt, dass der Ort des früheren Kultes nicht mehr besucht werden konnte. Die Räume des heidnischen Kultes wurden gewissermaßen mit christlichen Inhalten überschrieben und so unleserlich gemacht.

Ein anderes Verfahren war die Dämonisierung der für die Heiden besonderen Orte, beispielsweise der Hünengräber in Norddeutschland, die mit abschreckenden Namen wie etwa „Teufelssteine” versehen wurden.

Eine ähnliche Strategie wurde bei den heidnischen Feiertagen angewandt, auch sie wurden in den meisten Fällen christlich „überschrieben”, manchmal jedoch auch als Unglückstage dämonisiert.

Ein Beispiel ist das Weihnachtsfest, das eingeführt wurde, um dem Geburtstag des römischen Reichsgottes Sol Invictus etwas entgegenzusetzen, dessen Geburtstag am 25. Dezember gefeiert wurde. Auch Lichtmeß, Ostern und Allerseelen waren ursprünglich heidnische Feiertage. Das Schnitterfest Anfang August hingegen wurde als Tag von Luzifers Sturz in die Hölle re-interpretiert und galt somit als Unglückstag.

Trotz dieser Strategien lebten heidnische Vorstellungen auch unter christlichen Vorzeichen weiter. Ein Beispiel dafür ist der Marienkult, unter dessen Deckmantel die Verehrung des Weiblichen, der Großen Göttin, lebendig blieb - im deutlichen Widerspruch zur Abwertung des Weiblichen im Christentum. Auch die katholischen Heiligen boten eine Möglichkeit, den Ausschließlichkeitsanspruch des Einen Gottes zu unterwandern und Züge der heidnischen Götterwelt auf einzelne Heilige zu übertragen, so etwa die des Seelenführers Odin auf den Schutzpatron der Toten, St. Michael.

Wer in Glaubenssachen den Verstand befragt,
kriegt unchristliche Antworten.

Wilhelm Busch

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Letzte Änderung: 14.06.2010