Die Raben (Hugin und Munin)

Die Nornen schwiegen und wandten sich ab,
Entglitten in Nebelwogen. -
Da saust' es um Odin und schwirrte herab,
Zwei Vögel kamen geflogen,
Zwei Vögel, im schwarzen Gewand der Nacht,
Sie schwebten um Haupt und Glieder.
Es lähmte nicht ihres Fluges Macht,
Sie setzten sich flatternd nieder;
Berührten die Schultern und hafteten bald,
Sie flüsterten Zauberklänge.
Und Odin verstand der Worte Gewalt,
Als wären es Runengesänge.

Vernimm, Du welterschaffner Gott,
Daß wir Beide Dich immer umschweben.
Wir ziehen mit Dir, wenn Hohn und Spott
Bedroh'n Dein unsterbliches Leben.

Ich, Hugin, wecke Erinnerung,
Will Schlaf sie betäubend umranken.
Ich, Munin, erhalte feurig und jung
Die schaffenden Gottes Gedanken.
Entsende uns täglich um's Weltenall,
Das jugendlich jetzt sich erbauet.
Wir bringen Dir Kunde, allüberall,
Vom Werden, das wir erschauet.

Doch niemals verscheuche das Rabenpaar;
Denn wenn Erinnerung endet,
Wenn der Gedanken belebende Schar
Vom Geistesthrone entwendet,
Dann schwächst Du die hehre Gottesmacht,
Und wirst zum Untergang eilen,
Dann droht und naht die letzte Schlacht,
du wirst das Verderben teilen. -
Wir sind des Schicksals vorfliegende Zwei,
Es haftet der Spruch an den Taten.
Bewahr Deine Gottheit und halte sie frei
Von des Unheils rächenden Saaten. [...]

aus "Odin · Nordische Göttersagen -
Sinflut und Erschaffung der Welt" (1881)

A. Kayser-Langerhannß

Letzte Änderung: 26.12.2008