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Weißbeerige Mistel
Sandelholzgewächse (Santalaceae)
Viscum album
Volksnamen: Donnerbesen, Drudenfuß
Engl.: Mistletoe; Franz.: Gui; Ital.: Vischio comune
Die Mistel ist ein immergrüner und kugelig wachsender Halbschmarotzer von bis zu einem Meter Durchmesser. Sie blüht von Februar bis Mai, die gelb-grünen Blüten sind eher unscheinbar. Sehr dekorativ sind dagegen die sich im Winter zeigenden Früchte, runde weiße Scheinbeeren.
Der Samenkern ist in ein zäh-klebriges Fruchtfleisch eingebettet, das gut an der Baumrinde haftet und die typische Ausbreitung durch Vogelkot oder die Schnäbel der Vögel ermöglicht. Besonders die Misteldrosseln lieben die Früchte, wetzen nach dem Verzehr ihre klebrigen Schnäbel an Ästen und arbeiten den Samen so in die Rinde ein.
Misteln sind Halbschmarotzer, die ihrem Wirt Wasser und Nährsalze entziehen. Im Gegensatz zu Vollschmarotzern sind sie aber noch selbst in der Lage, Photosynthese zu betreiben. Wie fast alle Parasiten, bringen Misteln ihren Wirtsbaum in aller Regel nicht zum Absterben. Allerdings kann ein massiver Befall dazu führen, dass einzelne Äste oberhalb von Mistelpflanzen nicht mehr genügend Wasser erhalten und vertrocknen. Misteln wachsen nur langsam. Nach etwa 5 Jahren blühen sie das erste Mal; bei einem Durchmesser von 50 Zentimetern sind die Pflanzen etwa 30 Jahre alt.
Die europäischen Weißbeerigen Misteln wachsen sowohl auf Laub- als auch auf Nadelbäumen bis in Höhen von rund 1200 m über NN. Nach der Bindung an unterschiedliche Wirtsbaumarten (Laubholz, Tannen oder Kiefern) werden innerhalb der Art Viscum album mehrere Unterarten oder "Wirtsrassen" unterschieden. Bei der Weitervermehrung ist es wichtig, dass die Beeren auf eine Wirtspflanze der gleichen Art aufgetragen werden.
Um einem europaweiten Rückgang durch Raubbau vorzubeugen, wurde die Mistel von einigen Ländern und Bundesländern unter Naturschutz gestellt.
Mistel mit unreifen Beeren
In der nordischen Mythologie spielt die Mistel eine unheilvolle Rolle: Frigg nimmt allen Geschöpfen und Dingen auf Erden einen Eid ab, ihrem Sohn, dem Lichtgott Baldur, nicht zu schaden. Lediglich die harmlose Mistel vergisst sie. Loki fertigt einen Pfeil aus einem Mistelzweig und schlägt bei einem Fest vor, Baldur solle seine neu errungene Unverwundbarkeit beweisen. Doch keine Waffe schadet Baldur. Da drückt Loki Baldurs blindem Bruder Hödur den Mistel-Pfeil in die Hand - und Hödur tötet Baldur. Dieser Brudermord führt letztlich zum Ragnarök, dem Weltenende.
Äußerst selten wächst die Mistel auf der Eiche, einem den Germanen und Kelten heiligen Baum. Daher wurden dieser Mistel besondere Kräfte zugeschrieben. Überdies wurde sie als immergrüne Pflanze, die im Winter Früchte trägt, als Symbol ewigen Lebens verehrt (vgl. auch Stechpalme, Eibe), Efeu, Buchs. Als Symbol der Wintersonnenwende ist sie wesentlich älter als die Tradition des Tannenzweigs oder Tannenbaums.
Plinius der Ältere überliefert aus Gallien den Brauch, dass die Druiden in Eichen die Mistel schneiden, die sie in ihrer Sprache die "Alles Heilende" nennen. Die Druiden tragen weiße Kleider und verwenden goldene Sicheln, denn eiserne Werkzeuge dürfen die Pflanze nicht berühren. Plinius beschreibt, dass die Mistel gegen Epilepsie helfen solle. Da die Mistel nicht zur Erde fallen kann, ging man davon aus, dass sich diese Eigenschaft auf einen Fallsüchtigen übertragen würde. Die Volksmedizin schreibt der Mistel außerdem blutdrucksenkende Wirkung zu, Hildegard von Bingen schätzte Mistelsud gegen erfrorene Gliedmassen und Pfarrer Sebastian Kneipp setzte die Mistel zum Blutstillen ein.
Die Mistel galt im Volksglauben sowohl als Schutzzauber als auch Glücksbringer. Überdies sind vielerlei Anwendungen zur Förderung der Fruchtbarkeit von Mensch und Vieh überliefert. Mit diesem Wirkungsaspekt hängt sicher auch der angelsächsische Brauch zusammen, sich unter einem an der Tür aufgehängten Mistelzweig küssen zu müssen.
Mistel auf Apfelbaum
Anfang Sept.
Nach der anthroposophischen Lehre soll die Mistel gegen Krebstumore helfen. Diese Anwendung hat jedoch keine empirische Grundlage, sondern leitet sich aus der besonderen Naturanschauung Rudolf Steiners ab, der unter anderem auf Grund des parasitären Wachstumsmusters der Mistel im Vergleich zu den nach damaliger Ansicht ebenfalls parasitär entstehenden Krebszellen auf ihre mögliche Wirksamkeit bei der Krebsbehandlung hinwies. Bisher gibt es noch keinen Wirkungsnachweis für diese Anwendung.
Die Beeren der Mistel enthalten Tyramin in toxischer Konzentration. Tyramin entsteht bei der Zersetzung von Eiweißen und ist häufig natürlicher Begleitstoff von Nahrungsmittel, zu deren Fertigung Schritte wie Gärung oder Fermentation gehören, so z. B. viele Käsesorten, Rotweine oder Schokolade. Tyramin kann in Ausnamefällen auf den Kreislauf wirken, Bluthochdruck und Migräne auslösen.
Bei kleinen Kindern oder Tieren kann der Verzehr der Beeren Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen und Durchfall auslösen. Daher den Mistelschmuck immer außer Reichweite aufhängen.
Der klebrige Schleim der Früchte wurde zur Herstellung von Leimruten für den Vogelfang verwendet. Der Begriff "Viskosität" leitet sich übrigen von der botanischen Bezeichnung für die Mistel - Viscum - ab.
Eine interessante Entdeckung machten Forscher in letzter Zeit:
Informationsdienst Wissenschaft e.V.
Misteln zeigen verborgene Belastungen in Böden - Untersuchungsergebnisse des Julius Kühn Instituts/Braunschweig in der Region Goslar.
Letzte Änderung: 13.01.2009